72 Und was im Dunkeln bleiben muss.mp3

 
 



Nein

Dunkelheit und Angst

sind nicht dasselbe

ich will den Abend überreden

bei mir zu bleiben

das Unausgesprochene

bei mir zu lassen

das samtige Schweigen


Ein Gelb

pflanzenhaft gefiedert

neigt sich ins offene Fenster

eine Lichtraupe

kriecht auf mich zu


Es kostet hellwache Tage

es kostet schlaflose Nächte

um heraus zu finden

was ins Helle gehört

und was im Dunkeln bleiben muss


Alles ist noch da

zurückgelassen von der Zeit

die Wespenideen das Grillenlicht

hinter dem Brunnen der Durst

hinter dem Schlaf der Tod

etwas vom Flüchtigen der Vögel

der Abschied der unsterblich ist

alles ist noch da




Werner Lutz (1930-2016)


Aus dem letzten Gedichtband Die Ebenen meiner Tage

© Waldgut Verlag 2015 Frauenfeld